So starten wir am Samstag gemütlich um 8h, heute ist nur Fahren angesagt. Bei schönstem Sonnenschein geht es dahin bis zum Pflichtstopp Eni-Tanke in Lustenau auf eine letzte Leberkassemmel für die nächsten Tage. Heutiges Ziel ist das Hotel La Catogne in Orsières. Letzte Duschmöglichkeit für die nächsten fünf Tage! Bei einem guten Abendessen werden nochmals die Wettervorhersagen der verschiedenen Wetter-Apps besprochen, es bleibt spannend.
Am Sonntag in der Früh geht es los zur Gondelstation Les Châbles, hier gibt es einen Dauerparkplatz und die Gondel nach Verbier und ins Skigebiet. Es ist zugezogen, in der Höhe hängt der Nebel am Berg. Für einen Sonderpreis von 55sFr dürfen wir einmal bis ganz hoch. Fast denn die letzte Bahn ist wegen der Sicht noch zu. Ein Mitarbeiter des Skigebietes verspricht uns, dass sie in 30min die Bahn aufmachen. Somit sind wir Tourengeher gezwungen auch mal den Einkehrschwung zu üben und in der Skihütte Le Dahu die Wartezeit bei Tee zu verbringen. Die Einkehrschwungverweigerer (man könnte sie auch die Ambitionierten nennen, die schon mit den Hufen scharren fürderhin A-Team genannt) zogen es vor, gleich zu starten und die paar Höhenmeter (ca. 500) zum Aufwärmen mitzunehmen. Dann endlich ging es los: mit der Jumbo-Gondelbahn hoch, kurze Abfahrt und dann hieß es auffellen. Hier oben kam fast schon die Sonne durch und so marschierten wir los, gespannt auf die kommenden Tage mit vorhergesagtem Sturm bis 100km/h und im Hinterkopf: zur Not könnte man den auch mit ein bis zwei Hüttentagen aussitzen.
Nach einer Stunde erreichten wir das erste Joch Col de la Chaux. Abfellen, abfahren bei 30cm Neuschnee, auffellen und weiter zum Col de Momin und weiter zu unserem ersten Gipfel La Rosablanche (3336m). Auf dem Zustieg kam uns das A-Team entgegen. Sie waren schon am Gipfel (bei Nebel). Wir stapften weiter die letzten Höhenmeter bis zum Skidepot und . der Himmel riss auf! Wir auf dem Gipfel mit Wahnsinnsaussicht auf die ganze Pracht der Westalpengipfel, von Montblanc bis zum Matterhorn, was für ein Panorama! Der Tag hat sich schon gelohnt! Eine Viertelstunde später beim Abstieg war die Sicht schon wieder vorbei, der Nebel kroch wieder die Bergwände hoch. Nach kurzer Abfahrt über den Glacier de Prafleuri erreichten wir die Hütte Cabane de Prafleuri auf 2662m.
Die Hütte hat zwei Spezialitäten: Einmal gibt es WLAN, aber nur eine Stunde vor und eine Stunde nach dem Abendessen genial, denn die Leute unterhalten sich miteinander und nicht nur mit dem Handy. Zweite Spezialität: Das Klopapier landet nicht im Klo, sondern in einem extra Kübel nicht genial und sehr gewöhnungsbedürftig, aber ohne Wasser ist es halt so. Spoiler: Keine der Hütten hatte Wasser, d.h. Katzenwäsche mit Schnee und Zähneputzen mit Mineralwasser (15sFr für 1,5l). Spannend war wieder der Wetterbericht: Der Sturm kommt, aber in der Früh gibt es ein nutzbares Zeitfenster, in dem wir die nächste Hütte erreichen können.
Also los: 6h Frühstück, 7h Abmarsch. Nach 200m Anstieg zum Col des Roux kam eine längere Abfahrt bei brauchbarem Schnee, aber schlechter Sicht. Das Ziel war, möglichst hoch am Hang entlang zu fahren und so die Gehstrecke am See Lac de Dix (2362m) möglichst kurz zu halten. Eine Gruppe mit Schweizer Bergführer hatte schon die Spur gelegt, so dass die Orientierung trotz schlechter Sicht nicht schwerfiel. Am Ende des Sees dann ein steiler Aufstieg zum Pas du Chat und weiter bei merkbar ansteigendem Wind (der leider auch die Spuren zu blies). Dann plötzlich rechts oben entdeckten wir unsere Hütte Cabane des Dix (2928m), ein kurzer Anstieg und das A-Team nahm uns in Empfang.
Geschafft! Um halb zwölf auf der Hütte, der Sturm kann kommen. In der Gaststube war es gemütlichund es roch so verführerisch, dass wir alle Schweizer Rösti bestellten und der Wirt ließ sich nicht lumpen und stellte zwei üppige Pfannen hin, die auch die größten Esser glücklich machten, sowohl kulinarisch als auch mengenmäßig. Am Nachmittag kam dann tatsächlich für zwei Stunden die Sonne raus und wir konnten staunen, wie der kräftige Wind die Wolken über den Tête Noire blies. Die Windfahnen am Gipfel zeigten, dass die Hütte definitiv der gemütlichere Ort ist. Aber die gute Sicht zeigte uns auch, wo die Königsetappe hingehen würde am Glacier de Tsenâ Réfien hoch und weiter zum Pigne d Arolla. Gespannt warteten wir auf den Wetterbericht und auf die Infos, die unsere Kollegen von den Schweizer Bergführern erfragten. Schnell war klar, dass die geplante Etappe nicht möglich wäre. Schnee und Wind ließen es nicht zu. Aber: Es gäbe eine Ausweichroute, zwar ohne Gipfel, aber machbar. Und des weiteren sagte der Wetterbericht, dass am späten Vormittag die Sicht besser würde. Mit diesen Infos im Kopf schmeckte uns das Abendessen gleich viel besser und auch die großzügigen Nachschläge bei Suppe, Hauptspeise und Nachtisch steigerten die Stimmung.
Mit einem gemütlichen Frühstück um 7h, Innenschuhe trocknen am Ofen und weiteren Kruschteleien vertrieben wir uns die Zeit bis zum Aufbruch um 9h. Die Sicht war zwar noch bescheiden, aber den Weg hinunter kannten wir ja schon. Es ging ein Stück das Tal hinaus, dann war unser Übergang Pas de Chèvres zu sehen. Hier hat man wegen dem zurückgezogenen Gletscher eine Eisenleiter hingebaut. Also Anfellen und hoch . Die letzten Meter zur Leiter sind zu steil, so müssen wir zu Fuß hoch mit den Skiern aufm Rucksack. Hoch dann ziemlich ausgesetzt über Leiter, Quergang und nächster Leiter, als Fotomotiv sehr willkommen. Oben am Pass dann endlich herrliche Sicht in Richtung Arolla und ein Schnee zum mit der Zunge schnalzen. Nach einem Gruppenfoto geht es im gführigen Schnee 500 Höhenmeter bergab, zuletzt noch auf Skipisten des Skigebietes Arolla. Dann rechts weg und 830 Höhenmeter hoch über den Glacier de Pièce. Das Wetter zog wieder zu, der Wind wachtelte nun wieder stärker und der Anstieg wurde steiler. Gegen 14h erreichten wir glücklich die Hütte Cabane de Vignettes auf 3157m. Das A-Team war schon wieder vorausgeeilt und bereitete uns einen herzlichen Empfang. Gegen Abend zog sich der Nebel zurück und machte den Blick frei auf die Pigne d Arolla, unserem verhinderten Ziel, nun von hier aus verlockend nah. Unruhe in der Gruppe, man könnte den Gipfel ja noch in die morgige Tour einbauen, sind ja nur 600 Höhenmeter zusätzlich. Gespannt wurde der Wetterbericht erwartet und endlich: das Wetter wird besser. In der Früh sollte es noch -15°C kalt sein und etwas windig.
So startete am Morgen das erweiterte A-Team bereits um halb acht in Richtung Pigne d Arolla, während der Rest sich um 8h auf die geplante Tour machte. Mit Steigeisen ging es 100m hinüber, durch eine Lücke durch den Felsen und nun mit den Skiern im festgeblasenen Schnee weiter zum Sattel, der auch auf die Pigne führt. Diese ließen wir aber rechts liegen und fuhren abwärts auf den Col de Charmontane hinunter. Die Sicht war wieder sehr bescheiden und der Schnee hart und verblasen, ziemlich unangenehm. Hier am Übergang der zwei Gletscher Glacier d Otemma und Glacier du Mont Collon blies ein heftiger kalter Wind, der uns die wilde Natur spüren ließ. Froh, nach dem kurzen Auffellen in Bewegung die kalten Hände und Füße wieder warm zu bekommen zogen wir über die breite Fläche in Richtung Col de l Evêque hoch. Wir noch bei kräftigem Wind und im Schatten, während das A-Team bereits hoch oben am Pigne d Arolla in der wärmenden Sonne und windstill unterwegs war. Angesteckt vom A-Team wollten auch wir einen Zusatzgipfel einbauen, Peppi hatte dazu den Becca d Oren Est (3532m) auserkoren und so steuerten wir leicht rechts gehend darauf zu. Der Wind ließ nach, die Sonne kam ab und zu durch. Am Skidepot angekommen war die Sonne wieder weg und der Wind blies uns so kalt um die Ohren, dass wir ohne große Abstimmung den Gipfelplan verwarfen und schnellsten zurück zur Originalroute fuhren. Die folgende Abfahrt 900 Höhenmeter hinunter steigerte die Laune auch nicht: Der Sturm hatte wilde Landschaften in den Schnee gefräst, so dass jeder Schwung genau platziert werden musste. Erst weiter unten auf dem Haute Glacier d Arolla waren die Verhältnisse (Schnee, Sonne, Wind) in jeder Hinsicht besser, wir tauten wieder auf. Reinhard zeigte uns den Übergang, den sie im Jahre 2023 beider Haute Route von Chamonix nach Zermatt genommen hatten und siehe da, auch jetzt war eine Karawane zu erkennen, die sich dort den steilen Hang hoch bewegte. Für uns hieß es kurze Zeit später anfellen um den 800m Anstieg anzugehen, nun in der prallen Sonne und ohne kühlen (nun ersehnten) Luftzug. Abwechslung boten nur die Hubschrauber des schweizerischen Heeres, die schon den legendären PDG (Patrouille Des Glaciers, ein Skibergsteiger-Rennen von Zermatt nach Verbier) vorbereiteten und die Dixie-Klos (und weiteres Material) durch die Gegend flogen. Gegen halb vier erreichten wir die Hütte bei strahlend blauem Himmel und mit einer letzten Anstrengung ging es 50m Eisenleiter hoch zur Cabane de Bertol (3265m), die wie ein Adlerhorst auf dem Grat oben thront. Ski und Stöcke mussten unten bleiben und wurden in einer Felsnische verstaut. Oben war der Ausblick luftig, aber gigantisch: Die Dent Blanche leuchtete majestätisch herüber. Weiter rechts war die Spitze des Matterhorns zu erkennen. In die Gegenrichtung war nicht weit weg die Pigne d Arolla zu sehen. Die untergehende Sonne erzeugte mit ein paar verbliebenen Wolken eine fotoreife Szenerie, und als Höhepunkt ging dann auch noch um 8h abends der Vollmond neben dem Matterhorn auf! Leider hielt da die Hütte nicht mit: Für die ganze Hütte gab es 2 Klos draußen sehr luftig und eine zugefrorene Rinne für die Herren, Zähneputzen und Katzenwäsche im Freien ohne nichts und dann auch ein unterdurchschnittliches Essen, wo selbst die größten Esser auf den Nachschlag verzichteten.
Am nächsten Morgen wieder 50m Eisenleiter runter und über einen kleinen Grat hinunter auf einen perfekten Platz, den Schweizer Reservisten schon zum Aufbau einer Versorgungsstation für das Rennen vorbereitet hatten. Nach kurzer Abfahrt kam unser letzter Anstieg 500m hoch zum Col de la Tête Blanche. Oben am Col tat sich plötzlich ein Panorama sondergleichen auf: Beeindruckend das Matterhorn, aber auch rechts daneben die Dent d Herens und links die bereits bekannte Dent Blanche. Voller Euphorie stürmten wir auch noch die letzten 100m hoch zur Tête Blanche um das volle 4000er Panorama zu genießen. Hier oben war ein abschließendes Gruppenfoto unvermeidlich! Glücklich, aber auch konzentriert machten wir uns nun an die 22km Abfahrt nach Zermatt. Zu Beginn gab es Spaltengelände, das es uns leicht machte, den anderen Spuren zu folgen und keine eigenen im guten Schnee zu versuchen. Weiter unten sahen wir noch einen beeindruckenden Lawinenkegel, der wohl durch einen Eisbruch vom Gletscher ausgelöst worden war. Ab und zu kamen uns noch Zweiergruppen am Seil mit schmalsten Tourenskiern entgegen, die wohl noch eine Trainingsrunde für das Rennen absolvierten.
Nach 10km Abfahrt verließen uns sieben Kollegen. Diese hatten noch größeres vor: Eine direkte Kombination mit der Tour de Ciel, der Himmelstour! Also noch 4 weitere Tage auf die Dusche verzichten und den natürlichen pH-Wert der Haut pflegen. Aber das ist eine andere Geschichte, die euch die Teilnehmer sicher gerne persönlich erzählen.
Für uns ging es weiter das Tal hinaus, immer parallel zum Matterhorn, das wir zuerst vor uns hatten, dann rechts daneben und dann hinter uns ließen. Und dann schließlich der zufriedene Einmarsch in Zermatt mit den Skiern auf der Schulter und stolz geschwelgter Brust, diesmal hats geklappt! Und zur Belohnung kauften manche sich noch ein Stück Schokolade beim Läderach direkt gegenüber vom Bahnhof, mmmmmh.
Hier noch der Link zur Tour auf Alpenvereinaktiv.com:
https://www.alpenvereinaktiv.com/de/tour/haute-route-von-verbier-nach-zermatt-mit-varianten/804600573/?share=%7Ezyrkrdxa%244ossiftx
Zusammengefasst: 69,7km und 4300hm in 5 Tagen.
Zum Vergleich: Die Bestzeit beim PDG-Rennen (fast identische Strecke) liegt seit 2010 bei 5h52 48 !
Autor: Christoph Eisath