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Marteller Haute Route - Skidurchquerung im Ortler-Gebiet

19.–22. März 2026 | 5965hm in 4 Tagen

22.03.2026

„So lange du bist stärker wie Lawine, Lawine nix tut." – Hüttenwirt Rifugio Pizzini-Frattola

Mit diesen Worten wurden wir in Italien empfangen. Aber der Reihe nach.

Was als Skitourengruppe von knapp 20 Skitourengehern geplant war, schrumpfte durch kurzfristige Erkrankungen und Absagen auf eine schlagkräftige 13er-Truppe zusammen: Simone, Melanie, Tobias, Till, drei Christians (ja, drei!), Jupp, Wolfgang, Werner, Felix, Ivan und ich – Theo. Was wir in diesen vier Tagen an Höhenmetern, Gletschern, Spalten, Gipfel und italienischer Hüttenküche erlebt haben, daran dürft ihr teilhaben. Anbei eine Karte und Wegweiser mit Stationen von 1-14 auf die ich im Bericht eingehen werde.

Donnerstag, 19. März: Anreise -Köllkuppe/Cima Marmotta - Martellerhütte
1.349 Hm ↑ | 12,89 km

Um 5 Uhr morgens fuhr der Bus in Straubing los. In Essenbach sammelten wir noch ein paar Regensburger ein, dann ging es über Garmisch, vorbei am Reschensee und hinein ins Martelltal bis zum Parkplatz in Hintermartell. Soweit der gemütliche Teil.

Beim Zustieg zur Martellerhütte (2.610 m) trennte sich gleich mal die Spreu vom Weizen. Die einen stürmten voraus, wir anderen hechelten hinterher – aber wie heißt es so schön: „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert." Am Ende fanden sich alle wieder auf der Sonnenterasse der Hütte zusammen, manche nur etwas atemloser als andere.

Doch bevor es so weit war, sorgte eine Schlüsselstelle im Zustieg für den ersten Schreckmoment: blutiger Schnee, rote Hände – kurz stand der Verdacht im Raum, dass die Lawinenhunde, die dort oben ihre Prüfung absolvierten, hungrig waren. Es war dann doch nur eine vereiste Passage mit Sturz und zwei aufgeschürften Knöcheln an den Händen (11 Wunden, 11 Pflaster). Nichts dramatisches, aber ein eindrucksvoller erster Farbtupfer im weißen Schnee.

Als sich Verletzte, Gehetzte und Vorangegangene auf der Hütte bei einem kühlen Blonden wiedergefunden hatten, war an Feierabend noch lange nicht zu denken. Direkt wurde Etappe zwei in Angriff genommen: der Aufstieg zur Cima Marmotta – Köllkuppe auf 3.330 m. Immerhin 1.349 Höhenmeter am ersten Tag – das wollte nicht jeder in vollem Umfang mitmachen, und so teilte sich die Gruppe im letzten Viertel der Strecke. Die Abfahrt? Ein Traum – wenn man auf Harschdeckel steht. Wer nicht, hat zumindest die Sonne genossen, die uns den ganzen Nachmittag begleitete.

Um 18 Uhr zurück auf der Martellerhütte erwartete uns ein Abendessen, das seinesgleichen suchte. Nudeln in Käse-Erbsensoße – das allein hätte als Hauptgericht durchgehen können, war aber, Überraschung, nur die Vorspeise. Es folgten Fleisch mit Kartoffeln und zum Abschluss ein Schokoladenpudding, der selbst die letzten Zweifel an der italienischen Hüttenkultur ausräumte.

Ansage Tag zwei: „Gestriegelt und gestiefelt, Abmarsch morgen um Punkt 6:30 Uhr, 1.800 Hm mindestens 4 Gipfel." Gute Nacht!

 

Freitag, 20. März: Zufallspitze - Monte Cevedale - Pizzini Hütte - Rifugio Branca
1.649 Hm ↑ | 14,77 km

Punkt 6:30 Uhr.  Mit der Ansage „1.800 Höhenmeter" im Hinterkopf teilten sich die 13 Hochtourengeher in drei Gruppen auf: Gruppe 1 – die Schnellen, Gruppe 2 – die mit Till, und Gruppe 3 – die Neulinge mit mir. Jeder in seinem Tempo, alle mit dem gleichen Ziel.

Über Gletscher, Eis, Schnee und zunehmend steile Flanken arbeiteten wir uns hinauf zur Mittleren Zufallspitze (3.757 m). Der letzte Abschnitt über den Grat erforderte Steigeisen zwischen Fels und Eis und volle Konzentration. Ein Lachmoment, als sich ein Helm löste. Dieser segelte gute 500 Meter hinab bis in die Mitte des Gletscherbeckens – wo er vermutlich heute noch liegt. Ein unfreiwilliges Opfer an den Berg.

Die Querung am Grat von der Zufallspitze zum Monte Cevedale (3.769 m) – dem Hauptziel des Tages – war nach dem steilen Aufstieg dann fast schon entspannt. Am Ski Depot unter dem Gipfel gab es eine kurze Pause: Brotzeit auspacken, Sonnencreme nachtragen, den Blick über die Ortler-Gruppe schweifen lassen. Weiter! Wir haben keine Zeit!

Die Abfahrt von knapp „4.000 m“ - gigantisch. Bei besten Wetterverhältnissen ging es zwischen massiven Gletscherbrüchen hindurch, die wie gefrorene Wellen aus dem Eis ragten, hinunter zur Rifugio Pizzini-Frattola (2.706 m). Hier gab es erst einmal einen verdienten Kaffee oder zwei. Der Palon de la Mare musste an diesem Tag wegen einem für sich sprechenden Schneeprofil verschoben werden.

Natürlich nutzten wir die Gelegenheit, den Hüttenwirt zur Lawinenlage und den Bedingungen zur Königsspitze zu befragen. Seine Einschätzung wird uns noch lange in Erinnerung bleiben: „Lawinensituation? Aaah, ihr sehr stark seid! Du einfach musst stärker sein wie Lawine, dann kein Problem. So lange du stärker wie Lawine – Lawine nix tut." Mit diesem beruhigenden Expertenwissen im Gepäck machten wir uns, nachdem alle drei Gruppen wieder zusammengefunden hatten, auf den Weg zur nächsten Unterkunft: der Rifugio Cesare Branca auf 2.493 m – wo es angeblich eine Sauna gibt.

Branca Hüttenkultur: lecker Risotto mit 2x Nachschlag, Fisch mit Kartoffeln, zwei Kugeln Eis.

 

Samstag, 21. März: Palon de la Mare
1.467 Hm ↑ | 13,97 km

Nach zwei intensiven Tagen mit über 3.000 Höhenmetern in den Beinen sollte der Samstag etwas gemütlicher starten. Frühstück um 7 Uhr, abmarschbereit um 8 Uhr - geradezu dekadent im Vergleich zum Vortag. Ziel: Palon de la Mare, der von der anderen Seite zu lawinengefährdet war.

Gemütlich war es dann allerdings nur beim Frühstück. Denn gleich kurz nach der Branca-Hütte wartete ein sportlicher Anstieg: 300 Höhenmeter bei Harschdeckel, der mit Harscheisen bezwungen werden musste. Spuren im harten Firn? Dafür hatten wir unser Spurgerät dabei. Gesagt, getan – es wurde hochgefräst. Wieder in drei Gruppen aufgeteilt, diesmal in leicht anderer Konstellation, ging es in zügigem Tempo weiter hinauf zum Palon de la Mare auf 3.703 m. Die einen wieder etwas schneller, die anderen trotzdem schnell – nur zeitlich etwas hinten dran.

Das Wetter zeigte sich an diesem Tag zum ersten Mal etwas launischer: meist sonnig, aber immer wieder von leichten Nebelschwaden durchzogen. Als Gruppe eins bereits wieder Richtung Tal unterwegs war, fand sich aus den Teams zwei und drei eine Abordnung zusammen, die die grandiose Gletscherflanke einfach nochmal abfahren wollte. Mit zweiter Luft und Lunchparket-Semmel-Energie setzten sie zu einem zweiten Aufstieg an. Der sportliche Ehrgeiz war das eine – aber seien wir ehrlich: Es ging vor allem darum, der ersten Gruppe eins auszuwischen und mit 300 Höhenmetern mehr auf dem Konto, plus einer zusätzlichen grandiosen Abfahrt am Abend angeben zu können.

Zurück an der Branca-Hütte: „das der Gender-Wahnsinn ein Ende nimmt, die Frau bei uns den Strick übernimmt“ Melanie hat das 60 m Seil zurück ins Tal gefahren. Zum Abend waren wieder alle gespannt auf die Küche. Die Messlatte nochmal weiter oben. Vorm Essen noch frisch machen auch wenn die Dusche durch die Kuschelprinzen belegt ist, weil bei 5 € für 7 min muss man zu zweit duschen (Duschen mit Service kostet 8 €). Abendessen: Bärlauch-Nudeln als Vorspeise, ein halbes Hendl mit Kartoffeln als Hauptgang und eine Käse-Blaubeer-Torte als Nachspeise.

Nach einem erfolgreichen Tag, königlichem Abendessen zog es die letzten noch zu dem Sellrainer Bergretter Tisch hinüber, die ebenfalls auf der Hütte logierten. Mit Gitarre und guter Stimmung ließ man den Abend gemeinsam ausklingen – einer dieser Hüttenabende, die man nicht plant, die aber zu den schönsten Erinnerungen einer Tour werden – und wo die Hüttenruhe nicht so genau genommen wird. Mit einem „Buona notte“ und einer gerissen Gitarrenseite wurden wir dann ins Bett geschickt.

 

Sonntag, 22. März: Monte Pasquale - Abfahrt zurück ins Martelltal - Zufallhütte
1.500 Hm ↑ | 17,03 km

Der letzte Tag. Nochmal alles geben. Um 8 Uhr ging es gepackt und gestiefelt los von der Branca-Hütte [10] – diesmal mit dem gesamten Gepäck auf dem Rücken.

Der Einstieg führte über eine gigantische Gletschermoräne. Links und rechts im Tal stiegen andere Tourengeher auf ihren Routen auf – wir spurten mitten auf dem Moränenkamm. Einfach, weil wir es können.

Ganz hinten, am Ende des Tals, wurde es dann ernst: Steil ging es hinauf zum Monte Pasquale (3.553 m). Unsere Spurer mussten sich wieder massiv ins Zeug legen, um den unverspurten Hang mit doch ordentlicher Steigung zu bewältigen. Die letzten 100 Hm – Felle runter, Ski auf den Rücken, Steigeisen an und hinauf zur Gipfelscharte pickeln.

Oben angekommen trennte sich die Gruppe: Ein Teil nutzte die Gelegenheit für den schnellen Abstecher zum Gipfel, der andere suchte bereits eine Abfahrtsmöglichkeit – die alles andere als offensichtlich war. Wie kommen wir vom Pasquale wieder hinüber ins Martelltal? Die Antwort: „Gar nicht, ohne kleiner Kletterei“.

An einer Scharte neben dem Pasquale [11] wurde kurzerhand eine Seilversicherung aufgebaut. Unsere Materialspezialisten richteten ein Seilgeländer ein, an dem wir über eine kleine, aber ausgesetzte Kletterpassage auf einen massiv verspalteten Gletscher [12] hinüberstiegen. Hier war höchste Konzentration gefragt – Spalten links, Spalten rechts. Aber die Abfahrt, die auf uns wartete, war die Mühe wert.

Nun fehlte nur noch der letzte Aufstieg Richtung Cevedale-Sattel [13]. „Nur noch" ist dabei relativ: 385 Hm bei 17 cm feinstem Neuschnee. Eine Aufgabe für wen? Korrekt, unser Spurgerät machte hier seinem Namen und seiner persönlichen Leidenschaft alle Ehre. Ich zählte exakt 57 Spitzkehren, bis wir oben am Sattel ankamen. Siebenundfünfzig. Wer so spurt, verdient sich sein Bier.

Der Lohn war die Abfahrt: Am Cevedale-Sattel angekommen, eröffnete sich die finale Abfahrt ins Martelltal [14]. Und was für eine knapp 30 Zentimeter unberührter Pulverschnee Piste, beste Sicht, fast kitschig schöne Bedingungen. Jede Kurve ein Genuss, jeder Schwung ein stilles „Danke, Berg." – Für die nach 1.500 Hm Aufstieg noch Kraft hatten.

Kurz vor dem Parkplatz riskierten wir noch den Einkehrschwung in die Zufallhütte. 13 Weißbier und 13 Hüttenmakaroni von der Tageskarte – alle glücklich über ihren übervollen Nudelteller. Die Portionen so großzügig wie die Berge drumherum. Genau so muss ein erfolgreiches und durchaus forderndes Hochskitouren-Wochenende enden.

 

Fazit
Vier verdammt geile Dog, vier Gipfe ai zam iwa 3.500 meda und 5.965 Höhenmeter „tuti kompleti“. Do dazou fast 60 km, a gloane Grad graxler’ei naütlich am Seil o’ghengt und 57 Spitzkehren frisch gspurt. Bluadige Hend a owe gschmissner Helm weil kost ja nix des Zeig und a tüpischer Italiener als Hüttenwirt. Und einfach gigantische Speisen vo da italienischen Hüttenküche. 

De Marteller Haute Route hod uns viel abverlangt – owa vor allem sau viel zruck gem! Wos ais Ski Ausflug ogfanga hod, is a sakrisch gurds Abenteuer mit Gletscher gai, Seil’Glanda basteln  - „no friends on Powderday’s“ Abfahrten – und vui mehr worn.
Sowas lest ma meistens nur in Tourenberichten. Owa heind hunen einfach selber gschrim. Dass wir trotz kurzfristiger Ausfälle als 13er-Truppe so harmoniert haben – ob als „die Schnellen", „die mit‘n Till" oder „die Neulinge" – hat diese Tour zu etwas Besonderem gemacht.

A’sakrisch Vergelstgot an Tobi, unserm Organisator und Spurgerät und an alle Anderen die einfach Spitze waren. „Motivation, Humor und den Teamgeist“ genau aso mingma mir unsan Berg!

Arrivederciii! Und bis zur nächsten Bärenstarken Tour!

Theo