© DAV Straubing
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Skihochtour Haute Route - Von Chamonix nach Zermatt

02.04.2023 - 09.04.2023

20.04.2023

Eine “Once in a Lifetime Tour”?

Nachdem wir uns im letzten Jahr an den schwierigen Bedingungen und Schneeverhältnissen in der Dauphine, im Nationalpark Ècrins mehr oder weniger die Zähne ausgebissen hatten, wollten wir heuer einen neuen Anlauf versuchen, eine große Skidurchquerung zu realisieren. 

Teilnehmer: 
Peppi, Albert, Ernst, Helmut, Sepp, Karl-Heinz, Kerstin, Markus, Peter, Robert, Thomas, Thomas, Till, Wolfgang, Christian, Wiggerl, Reinhard, Moritz, Peter, Regina, Michael

Gipfel: 
Grand Tete de By 3587m
Grand Combin de Valsorey 4185m – Abbruch bei 4117m
Tete de Valpelline 3798m

Wetter:  Sonntag neblig nach Abzug einer Front, Ab Montag bis Donnerstag perfektes Tourenwetter, Am Freitag Durchzug einer Störung mit Neuschnee, Am Samstag und Sonntag wieder perfektes Tourenwetter. Hochwinterliche Temperaturen und Schneeverhältnisse

Schwierigkeiten: ST III - 8112Hm – 114Km

Bedingungen: winterliche Temperaturen bei weitgehend guten bis sehr guten Schneeverhältnissen:  Leicht windbeeinflusster Schnee bis besten Pulverschnee

Lawinenlage: 2 / 3

Strecke: 

Tag 1: Argentiére 1240m – Bergbahn Telecabine de Plan Joran – Abfahrt über Piste zur Mittelstation - Glacier d’Argentière - Refuge d’Argentière 2771m
7,8km – 880Hm – 230Hm – 3h

Tag 2: Refuge d’Argentière 2771m – Glacier d’Argentière – Glacier du Chardonnet - Col du Chardonnet 3323m – Col du Ecandies 2793m – Glacier de Saleinaz – Glacier du Trient - Val d`Arpette - Champex - Bourg St. Pierre Hotel du Cret 
25km – 1400Hm – 2500Hm – 7h30

Tag 3: Bourg St. Pierre Hotel du Cret - Alpe Cordonne - Cabane de Valsorey 3037m 
9,2km – 1450hm – 4h30

Tag 4: Cabane de Valsorey 3037m – Plateau du Couloir 3650m – Grand Combin de Valsorey über Südflanke 4185m Abbruch bei 4125m - Plateau du Couloir 3650m - Col du Sonadon 3503m – Grande Tete de By 3587m – Cabane de Chanrion 2462m
16km – 1600hm – 2200hm – 10h30

Tag 5: Cabane de Chanrion 2462m – Glacier du Brenay – Col Les Portons - Pointe des Portons 3512m - Glacier d`Otemma - Col du Petit Mont Collon 3284m – Col de L’Evèque 3379m – Col du Collon 3068m - Rifugio Nacamuli 2830m
19km – 1700hm – 1300hm – 7h30

Tag 6: Rifugio Nacamuli 2830m – Col de Collon 3068m – Haute Glacier d`Arolla - Col du Mont Brulè 3231m – Chiacciaio di Tsa de Tsa - Col de Valpelline 3551m – Tete de Valpelline 3798m - Stockji Gletscher - Stockji Felsen 2950m – Tiefmattengletscher – Zmuttgletscher - Schönbielhütte 2694m
24km – 1720hm – 1800hm – 7h30

Tag 7: Schönbielhütte 2694m – Stafelalp 2082m - Furi 1862m
9km – 55hm – 980hm – 1h30

Gesamt: 110km – 8800hm – 9000hm – 45h

Die Haute Route musste es heuer sein, die Königin der Skidurchquerungen. Von Chamonix nach Zermatt. Rund 120 Kilometer und gut 8000 Höhenmeter wollen in einer absolut spektakulären Landschaft erst bewältigt werden.

Es gibt Touren und es gibt eben andere Touren, spezielle Touren. Wie es im Sommer mit Matterhorn, Weißhorn oder Mont Blanc ist, so ist es im Winter mit der Haute Route. Irgendwie gilt das ungeschriebene Gesetz, wer etwas auf sich als Skibergsteiger hält, der wird sich irgendwann mit der Haute Route beschäftigen (müssen). 

Wenn man die Bergliteratur studiert, hat man den Eindruck, dass diese Durchquerung von Chamonix nach Zermatt die „Krönung eines Skibergsteigerlebens“ ist. So war es bestimmt auch mit einigen aus unserer Gruppe. Quasi eine „Once in a Lifetime Tour“ Schnell war eine Leitung gefunden, die das Mammut-Projekt innerhalb einer DAV-Sektionsfahrt organisiert. Der Andrang und das Interesse in der Sektion waren groß. Aber trotz der enormen Gruppengröße sah der Plan vor in einzelnen, beherrschbaren und eigenständig operierenden Gruppen zu agieren und am Ende des Tages wieder gemeinsam das Geleistete zu feiern. Es hörte sich nach einem perfekten Plan an. Jetzt musste nur noch das Wetter und die Bedingungen passen.

In Fahrgemeinschaften organisiert nahmen wir das Projekt in Angriff. Als erstes Ziel der Gruppe wurde das Hotel Bergfreund in Herbriggen auserkoren. Das kleine Hotel ist besonders bei deutschen Bergsteigern bekannt und gerne besucht. Die freundliche Atmosphäre und die Herzlichkeit sind besonders. Dort wollte man sich treffen, die Ausrüstung sortieren und die Kleingruppen einteilen, um am nächsten Tag mit dem Hoteleigenen Shuttleservice nach Argentiére zu fahren.

Etappe 1 – Hüttenzustieg Argentiére Hütte 2771m

In Argentiére angekommen, schulterten wir das erste Mal unsere schweren Rucksäcke, wobei sich bestimmt der eine oder andere der Gruppe dachte, wie man so steile Cols hinaufkommen sollte oder abfahren kann. Wir stiegen in die Bergbahn Telecabine de Plan Joran hinein, die uns den Einstieg in unser Projekt am ersten Tag und den Hüttenzustieg zur Argentiére Hütte erheblich vereinfachte. Oben angekommen, hatten wir nur eine begrenzte Aussicht. Die tiefen Wolken machten uns begreifbar, dass die letzte Woche, quasi bis gestern Abend, schlechtes Wetter war und Schneefall brachte. Wir hatten richtig Glück, denn der Wetterbericht sah für die kommenden Tage perfektes Tourenwetter voraus. Da kann man schon mal bei eigeschränkter Sicht zur ersten Hütte steigen. 

Von der Bergstation der Plan Joran fuhren wir zur Mittelstation hinab, wo wir das erste Mal von bestimmt unzähligen Malen die Steigfelle auf unsere Ski klebten. Über einen steilen Hang und einem anschließenden Ziehweg verlassen wir das Skigebiet und die Zivilisation. Hoch über dem Refuge de Logan ziehen wir auf einer guten Spur unsere Abdrücke in den Schnee. Bereits hier wäre bei schönem Wetter eine gewaltige Aussicht in den Argentiére Kessel, wo Aiguille d’Argentière, Aiguille Verte, Les Droites oder ganz hinten im Kessel, die Aiguille Triolet die Szenerie beherrschen. Immer wieder aufreißende Wolken war ein Zeichen für Wetterbesserung. Das freute mich, denn so konnte ich die eindrucksvollen Berge, die erdrückenden und steil aufragenden Wände, die ich bisher immer nur in Büchern kannte, erkennen. Völlig fasziniert von den Rinnen und Cols wanderte ich mit meinen Ski den flachen, gut mit Schnee eingedeckten Glacier d’Argentière hinauf. Hier konnten wir linker Hand auch schon unsere beiden für morgen geplanten Aufstiege zum Col du Passon und zum Col du Chardonnet erkennen. 

Auf etwa 2600 Meter kamen wir in Hüttennähe und das Gelände wurde etwas steiler. In Spitzkehren und zu guter Letzt einer, bei schlechten Verhältnissen, heiklen Hangquerung erreichten wir die wunderschön, auf einem Felsvorsprung gelegene Argentiére Hütte auf 2771m. Hier besorgte Till erstmal ein Bier für uns beide, dass wir anschließend auf der Hüttenterrasse genossen. Die mittlerweile um eine vielfache gebesserte Aussicht tat Ihr übriges. Bei stehlendem Sonnenschein war das schon ein Ausblick für Götter. Inmitten frischbeschneiter, hoher Gipfel und Wände konnten wir sogar noch live zwei Steilwandskifahrer eine Rinne vor unseren Augen abfahren sehen.  In meinen optimistischsten Träumen hätte ich mir das so nicht vorgestellt. Das Beste an der ganzen Sache war, dass sich die Wetterprognose für die kommenden Tage bestätigt hatte. Was hatten wir nur für ein Glück. 

Erst kurz bevor die untergehende Sonne hinter den Gratspitzen verschwand und es schlagartig kalt wurde, verschwanden die letzten in die warme Hütte. Dort war auch schon kurze Zeit später das Abendessen bereit, so blieb mir nur noch wenig Zeit für meine Ausrüstung für morgen zu richten. 

Etappe 2 – Von der Argentiére Hütte nach Bourg Saint Pierre

Ich hatte gut geschlafen, ich war fit, meine Ausrüstung passte und alle Anzeichen standen auf einen genialen tag. Denn bereits heute am zweiten Tag stand eine der Schlüsselstellen der ganzen Woche vor uns. Der Col du Chardonnet. 

Wir teilten uns nach dem Frühstück in die in Herbriggen eingeteilten Kleingruppen auf und verließen nacheinander die Hütte. Über einen bockharten Hang kratzten und ratterten wir zum Glacier d’Argentière hinunter. Wir ließen es laufen, blieben aber in der Flanke, so dass wir es ohne nochmal extra auffellen bis zum Einstieg unterhalb des Glacier du Chardonnet schafften. Hier fellten wir neben anderen Gruppen auf und montierten die Harscheisen unter die Ski. Eine gute Spur führte, einen Eisbruch ausweichend nach links auf den Glacier du Chardonnet, wo wir schnell einige, vor uns gestarteten Gruppen einholten. In einer idealen Steilheit waren die Spitzkehren angelegt und so kamen wir recht schnell in die oberen Bereiche unterhalb des Col du Chardonnet, wo links und rechts riesige Felswände in den Himmel schossen. Einfach gewaltig diese Aussicht. Hinter uns die die Felsriesen Aiguille Verte und Les Droites, vor uns die Aiguille d‘Chardonnet und die Aiguille d’Argentière und mittendrin, der scharf eingeschnittene Col d’Chardonnet auf den wir zusteuerten. 

Wir kamen als zweite am westlichen Teil des Cols an. Wir bauten unsere Ski auf den Rucksack, befestigten unsere Steigeisen an die Skischuhe und nahmen den Pickel in die Hand. Wir stiegen wir einen Schneekolk zum Fuß des Cols hinunter und kletterten anschließend einen Schotterhang etwa 30 Höhenmeter zum Col hinauf. Hier mussten wir so richtig aufpassen, denn die vor uns kletternde Bergführerseilschaft war mit dem Gelände völlig überfordert und so kam der Steinschlag im Minutentakt auf uns niedergeprasselt. 

Endlich am Col angekommen, machten wir gleich Nägel mit Köpfen. Till fragte den Bergführer, der gerade mit dem Ablassen seiner Kunden beschäftigt war, ob wir rechts neben den Ablassenden seilfrei absteigen könnten. Dies war für Ihm kein Problem und so konnten wir arschlings den oben sehr steilen Col nordostseitig ohne große Wartezeiten runter stapfen. Trotz des relativ unkomplizierten Abstiegs mussten wir höllisch aufpassen, den durch das eher unkontrollierte Ablassen der Bergführerkunden prasselte auf uns andauernd Schnee. Das war zum einen unangenehm, zum anderen auch gefährlich. Ganz unten am Col erwartete auf uns die eigentliche Schlüsselstelle. Eine ein Meter breite Randspalte hatte sich geöffnet und musste zwingend übersprungen werden. Das bereitete aber keinen unserer Gruppe große Schwierigkeiten und so konnten wir die die Aussicht auf den Glacier de Saleinaz und die großen Walliser 4000er im Hintergrund bei einer kleinen Brotzeit genießen. 

Um unseren Vorsprung zu erhalten, machten wir uns bald darauf wieder auf dem Weg. Die gewaltige Pulverschneeabfahrt auf dem Glacier de Saleinaz ließ uns jubeln. Es war fast schon ein wenig zu viel Pulver. Unten angekommen, klebten wir unsere Felle auf die Ski. Der nächste Col wartete bereits auf uns. Zwar versuchten wir so weit wie möglich mit Ski aufzusteigen, aber irgendwann machte es auf Grund der zuvor abgegangenen Schneerutsche irgendwann keinen Sinn mehr. Ich zog meine Steigeisen an, band meine Ski auf den Rucksack und begann mit der Wühlerei. 

Der Aufstieg zum Col Fenètre de Saleina machte richtig Spaß. Stapfen und wühlen im sehr steilen Schnee mit Ski auf dem Rucksack ist zwar anstrengend aber die Aussicht auf eine Aussicht treibt mich in solchen Situationen immer wieder an. Oben angekommen, erreiche ich ein kleines Felsenfenster, wo mir die Welt zu Füßen liegt. Ich kann die gewaltigen Ausmaße des Plateaus du Trient im Norden erkennen kann. Hinter mir sehe ich unsere Spur und den vorher durchwanderten Glacier de Saleinaz. Ich fühle mich privilegiert, ich bin so glücklich, dass genau in dieser Woche das Wetter und die Bedingungen so unglaublich gut sind. Ich setze mich hin und staune. Wortlos, fassungslos…Krieg das Ganze irgendwie nicht zusammen. 

Die Stimmen im Hintergrund und das wilde schnaufen der anderen ankommenden reißen mich aus meiner Welt. Sofort bin ich wieder da. Auf Tills frage ob was geht, sage ich spontan. In der „Petite Fourche sind alte Spuren“. Also los. Unser erstes Gipfelziel wartet. Wir beide warte auf den Rest unserer kleinen 5-Mann Gruppe, die sich mit einer anderen Gruppe von uns vermischt hat und spuren vom Col erst westlich und später, südwestlich, einen steilen Hang zur Scharte der Petite Fourche hinauf. Es wären eigentlich vom Col nur 230 Höhenmeter bis zum Gipfel des Petite Fourche, aber der viele Neuschnee und die zwei kleinen Mini-Schneebretter, die beim Spitzkehren machen abgegangen sind, lassen uns 50 Höhenmeter unterhalb des Ausstiegs umkehren. Wir sind nicht enttäuscht, wir sind uns der Gefahr bewusst und fahren einzeln im Besten Pulverschnee und später am Plateau in den Spuren der anderen ab.

Erst halten wir uns Nordöstlich, bis wir uns am Fuße des Pointe d’Orny nach Norden eindrehen und die Steilhänge links des Petite Pointe d’Orny nach Norden hinunterrauschen. Bei einer ungefähren Höhe von 2800 Meter drehen wir nach Osten zum Col de Ecandies ein. Da dieser Bereich sehr lawinengefährlich ist, fahren wir einzeln ein und treffen die anderen Gruppen, die sich bereits am Fuße des Cols für den Aufstieg vorbereitet. Schnell sind die Ski auf dem Rucksack montiert und so werden die letzten Höhenmeter für heute in Angriff genommen.

Über ein befestigtes Kletterseil klettern wir den steilen, felsigen, nicht einfachen Col hinauf. Oben auf 2796 Meter angekommen, lassen wir uns erst einmal auf unserem Rucksack nieder. Machen Pause, genießen die Aussicht und machen uns für die gewaltige Abfahrt ins Val d`Arpette bereit.  17oo Höhenmeter auf ideal geneigten Hängen hinunter nach Champex-Lac, wo bereits ein Taxi auf uns warten sollte. Der obere Bereich war noch richtig gut zu fahren, zerfahrener Pulverschnee ließ uns schnell an Höhe verlieren. Der mittlere Teil war dann schon etwas Sonnenbeeinflusst. Der Deckel war schon sehr ausgeprägt und je weiter wir nach unten kamen, desto schwieriger wurde das fahren mit unseren müden Beinen. Nur gut, dass ganz unten eine bestens präparierte Piste auf uns wartet, die uns bis zur Talstation leitete. 

Da wir noch zu früh fürs Taxi waren, suchten wir nach einer Möglichkeit unsere trockenen Kehlen etwas Feuchtes zukommen zu lassen. Nach einige Fehlversuchen bekamen wir den Tipp, das im Dorf eine Bäckerei geöffnet hat. Also nichts wie los! Nochmal wurde der schwere Rucksack geschultert und die paar Hundert Meter zu Fuß hinunter ins Dorf gewandert.

Sowas hatten wir uns verdient! Bier, Cola, Kuchen und Sandwiches. Was will ein Tourengeher nach etwa 25 Kilometer, 1400 Höhenmeter im Aufstieg und 2500 in Abfahrt mehr? 

Schon kurz darauf war das Taxi da und die ersten acht konnten damit nach Bourg Saint Pierre fahren, wo unser Hotel gebucht war. Das Hotel war für mich ausreichend. Ein einfaches Bett, eine gute Dusche und sehr gutes Essen. Aber man hörte in der Gruppe des Öfteren, dass man mit besserem gerechnet hätte. 

Nach unserem Frankreich-Ausflug gestern auf der Argentiére Hütte, hatten wir anscheinend heute komplett vergessen, dass wir uns wieder in der Schweiz befinden. Nur so kann ich mir das erklären, dass die Hotelchefin goldene Franken in den Augen hatte, als sie uns unsere Weinrechnung präsentierte. Ein 0,5 Liter Flaschen Pinot Noir kostete uns tatsächlich 27,50€. Für mich die teuerste Falsche Wein, die ich jemals gekauft und getrunken habe. Aber es war die Sache wert. Festtage soll man feiern, wie sie fallen und diese Woche und diese Tage waren auf alle Fälle Festtage!

Etappe 3 – Von Bourg Saint Pierre zum Cabane de Valsorey

Mit einer schlechten Nachricht bin ich heute aufgewacht. Ernst bricht heute ab. Er hat sich nach einer Corona Infektion vor einiger Zeit noch nicht so weit wieder erholt, dass er die Haute Route bis zum Ende schaffen würde. Ich fand die Entscheidung von Ernst schade, aber ich denke, dass es die einzige logische ist, dass hier und jetzt zu beenden. Denn auf den folgenden Hütten wäre ein Abbruch wesentlich schlechter zu organisieren.

Nach einem sehr guten Frühstück packten wir unsere Ski auf den Rucksack, verabschiedeten uns von Ernst und marschierten die steilen Südwesthänge Richtung Cabane de Valsorey hinauf. Ganze 400 Höhenmeter wandernd kamen uns schon richtig lange vor, aber durch die gewaltige Landschaft rund um dem Bach Torrent du Valsorey machte das mir das Laufen viel Freude. Wir hatten heute auch keinen Stress. Wie lange wir für die knapp 1500 Höhenmeter Hüttenzustieg brauchten war völlig egal. Immer wieder blieb ich stehen, bestaunte die erwachende Flora im Valsorey Tal, machte Fotos und ging mit Leuten aus anderen Kleingruppen, mit denen ich sonst nicht so viel zu reden die Möglichkeit hatte.  Trotz des gestrigen harten Tourentags waren meine Beine gut drauf und sonst ging es auch gut. 

Eines machte mir allerding zu schaffen. Bei der gestrigen Abfahrt hatte sich der Skischuh-Drehknopf meines Boa-Verstell Systems gelockert, ist auseinandergefallen und so konnte ich den rechten Skischuh nicht mehr richtig schließen. So rutschte ich beim Gehen mit dem Fuß im Schuh von vorne nach hinten und von rechts nach links. Das bekam meinen Füßen nicht gut. Da das auf Dauer so nicht weiterging nahm ich ein Gummi-Schnürband aus dem Rucksack und schnürte behelfsmäßig den Schuh zusammen. Dann ging es besser, aber optimal war was anderes. 

Nachdem wir die Schneegrenze erreicht hatten, ging es gut voran. Es lagen jetzt noch etwa 1000 Höhenmeter Hüttenzustieg vor uns. Es hatten sich Leute aus verschiedenen Kleingruppen zusammengetan und gingen gemeinsam vorneweg. Als wir die Freiflächen unterhalb der Hütte sahen, machten wir eine große Pause und ließen die anderen nachkommen. Der große Grand Combin, ein dreigipfeliger Koloss tat sich hinter der Hütte, die sich lange vor uns versteckte, auf. Der erste der drei Gipfel, der Grand Combin de Valsorey 4184 Meter wäre, je nach Aussage des Hüttenpersonals eine Möglichkeit für einige aus der Gruppe einen 4000er in die Woche einzufügen. 

Wir ließen uns von der gewaltigen Szenerie nicht aus der Ruhe bringen und steigen die unzähligen gut angelegten Spitzkehren in einer rutschigen, glasigen Spur Richtung Hütte hinauf. Irgendwann war mir das Rumgerutsche in der Spur zu stressig, ich trat aus der Spur und montierte meine Harscheisen. Jetzt ging es bedeutend leichter und schließlich auch sicherer über die letzten Kehren hinauf zur Cabane de Valsorey auf 3037 Meter. Ich stellte meine Ski ab, setzte mich auf die Terrasse und bestaunte die Berge um mich herum. Hinter mir der Combin de Metin 3622 Meter und der Combin de Valsorey 4184 Meter vor mir das Valsorey Tal der das Tal beherrschende Mont Velan mit 3727 Meter. Weit hinten im Westen, der Mont Blanc. Mir fehlen in solchen Augenblicken immer die Worte und so belasse ich es auch meistens dabei. 

Interessant zu beobachten war von der Terrasse aus vor allem die eigentliche Schlüsselstelle der ganzen Haute Route, die uns morgen bevorsteht. Das Plateau du Couloir auf 3650 Meter. Auf eine steile Querung mit Ski folgt eine steile Kletterei mit Steigeisen. Ich war gespannte was die Hüttenwirtin zu den Verhältnissen des Cols und der Grand Combin de Valsorey Südwand erzählen konnte.

Abends nach dem Essen, fragten Thomas, Till, Christian und ich die Wirtin nochmal. Diesmal hatte sie auch Zeit für uns und konnte unsere Frage ausführlich, auch mit Bildern, die sie vor dem letzten Schneefall vom Col du Plateau aus gemacht hatte, beantworten. Das hatte sich nachmittags noch anders angehört. Aber nach dieser Aussage war für dreien von uns klar, dass wir es versuchen wollten.  

Wir besprachen das gehörte nochmal in der Kleingruppe, klärten Ausrüstung und Material und informierten die anderen Teilnehmer, dass wir den Gipfel morgen zusätzlich zur morgigen Etappe versuchen wollen. Anschließend ging ich ins Bett, da ich halbwegs fit sein wollte.

Etappe 4 – Von der Cabane Valsorey zum Grand Combin und hinab zur Cabane Chanrion

4 Uhr morgens aufstehen, schnell frühstücken, Zähne putzen, Morgentoilette und dann in den kalten Nachthimmel hinausgehen. In die Ski steigen und in den lautlosen, wolkenlosen Nachthimmel hineinsteigen. Das Licht des Mondes zu sehen, das leise knirschen des Schnees zu hören, die Kälte an den Wangen, Zehen und Fingern spüren. 

Ich habe das Prozedere schon häufig gemacht. Dabei gehen viele Abläufe automatisch, aber trotzdem gibt es Touren, wo man etwas mehr aufgeregt ist, etwas weniger gut schläft als bei anderen. Diese Tour heute ist so eine. Weil man nicht so recht weiß, was auf einem wirklich zukommt. In den Führern steht stark verhältnisabhängig, meist keine guten Verhältnisse, bröseliger Fels und oft Lawinengefährlich. Wenig Begehungen. Aber wir machen uns berechtigt Hoffnungen… Auf Grund der Bilder und Berichte der Hüttenwirtin. Auch weil der letzte Neuschnee für uns gut sein könnte, er könnte die losen Steine in der Südwestflanke binden, uns leichter in den Rinnen nach oben steigen lassen. Aber wir werden sehen.

Wir steigen zu dritt den Glacier du Meitin in steilen Spitzkehren hinauf. Erst noch in einer guten Spur, dann aber nach etwa 5 Minuten sind die Spuren zugeweht. Wir müssen spuren. Einziger Vorteil, jetzt können wir die Steilheit der Spur selbst bestimmen. Ich fühle mich heute gut! Heute hab ich anscheinend einen guten Tag erwischt. Voller Vorfreude setze ich die nächste Spitzkehre.

Irgendwann unter einem Felsriegel geht mit Ski nichts mehr. Es ist eiskalt, bestimmt an die zwanzig Grad Minus, denn schon nach einer Minute ohne Bewegung sind meine Füße und Finger kalt. Ich zittere ein wenig aber konzentriere mich auf mein Tun. Auf die Steigeisen, auf die Ski und Stöcke die sicher am Rucksack befestigt werden müssen. Denn ein Fehler beendet diese Tour für mich. Endlich ist alles befestigt, ich warte noch kurz einen Moment, trink einen Schluck aus der Thermoflasche und schon kommt die Last auf den Rücken. Die anderen beiden kommen wenig später nach. Ich spure nach oben, hoffe das ich dabei warm werde. 

Viele Tritte sind über Nacht zugeweht. Es wird steil, bestimmt 45 Grad. Aber wir kommen gut voran. Nach 15 Minuten, queren wir nach rechts, um dann wieder gerade hinaufzuklettern. Mittlerweile hat mich Christian abgewechselt. Ich bin dankbar für die kleine Pause. Der Schnee wird pickelhart. Etwa 20 Meter haben wir noch. Was sollen wir tun. Zum Col hinüberqueren oder gerade hinauf, um direkt den Weg in die Südwestflanke anzutreten. Wir entscheiden uns für gerade hinauf, denn das ist einfacher und kostet weniger Zeit. Der Schnee ist gut, die Steigeisen und Pickel greifen gut. Aber ich friere trotz der Anstrengung. Ich spüre meine Zehen nicht mehr. Ich zittere. Was soll ich machen. Ich sage vorerst nichts zu Till und Christian und klettere den beiden Hinterher. Jetzt ist Till an der Reihe, er spurt in teils knietiefen Schnee. Er ist heute in Topform. Auch Christian, mit dem er sich abwechselt strotzt nur vor Energie. Ich bin froh nicht Spuren zu müssen, denn da wären meine Füße andauernd im Schnee. 

Endlich am Skidepot angekommen. Hier ist wegen der kontinuierlichen Steigung in der Flanke der erste vernünftige Platz für eine Skidepot hinter mehrerer aufschichteten Steinen. Wir machen kurz Pause. Ich trinke aus der Thermosflasche und richte meine Ausrüstung. Wir diskutieren kurz über den Weiterweg, erst ein wenig rechts, dann die Rinne nach oben erwischen und dann je nach Schneelage weiter...

Till führt wieder vorneweg, dann Christian, dann folge ich mit einigem Abstand. Mir raubt die Kälte die Kraft, schnaufe wie, wenn ich ein 10 Kilometerrennen laufen würde. Ich komme aber den beiden kaum hinterher. Wir machen Pause, es ist gerade Sonnenaufgang, der mich sonst immer fasziniert, ein ganz besonderer Moment, wenn die Sonne die ersten Bergspitzen beleuchtet. Nur heute kann ich diese einmalige Stimmung nicht recht genießen. 

Ich rede von meinen Füßen, meinen Zehen und dass ich diese schon einige Zeit nicht mehr spüre. Ich will aber weiter, wir hoffen auf die Sonne, die bereits am Horizont erkennbar ist und mit ihren Strahlen den Col weit unten beleuchtet. Aber es dauert noch bis die Sonne in diese kalte Südwestwand kommt. Wenn nur nicht dieser eisige Wind so stark wäre.

Christian klettert weiter die gleichbleibend steile Flanke hinauf. Mal im Stapfschnee, mal auf griffigem Hartschnee, aber immer so um die 45 Grad. Till folgt und versucht mir mit guten Tritten zu helfen. Wir verlassen ein letztes Schneeband und stehen im steilsten Schotter, der nur von Eis und Schnee zusammengehalten wird. Insgesamt ein schwieriges Gelände. Man kann gar nicht so vorsichtig steigen, dass die unter einem Kletternden nicht die Steine auf den Kopf kriegen. 

Der Gipfel ist schon zu sehen, eigentlich ein Katzensprung aber doch so unendlich weit weg. Über uns ist ein Felsriegel, der laut Beschreiung maximal UIAA II ist. Till ist motoviert und will zum Gipfel, Christian hat Bedenken und will eher nach unten. Ich zittere am ganzen Körper und kann vor Kälte keinen richtigen Tritt mehr finden. Ich habe irgendwie meine Sicherheit in diesem Gelände verloren. Es geht nicht mehr. Till akzeptiert ohne Murren unsere Entscheidung. Ein toller Sportsmann! Denn auch mit Sonne hört der Wind nicht auf. Wir sehen die Schneefahnen am Gipfel. Wir steigen ab! 60 Höhenmeter unter dem höchsten Punkt. Was für eine Katastrohe oder doch der Sieg der Vernunft. Naja, momentan finde ich alles gerade voll zum Kotzen!

Viel schneller als erwartet geht es hinunter und eine halbe Stunde später steht die Sonne in der Mitte der Wand. Hatten wir doch die falsche Entscheidung getroffen? Wir klettern weiter arschlings die Schneerinnen hinunter und sehen die anderen gerade weiter zum Col du Sonadon gehen. Sie winken, wir winken zurück. Wenn die nur wüssten…

Schon kurze Zeit später stehen wir beim Skidepot und machen kurz eine Trinkpause. Die letzten Meter steigen wir in der Sonne zum Col hinab, richten unsere Ausrüstung und setzen uns auf unsere Rucksäcke. Ich strecke meine Skischuhe in die Sonne. Jetzt erst merke ich wieder etwas. Das Plastik der Skischuhe wird warm, dann fangen sie an zu kribbeln, schmerzen wie wild. Wir steigen in die Ski und fahren die kurze Strecke zum Col du Sonadon auf 3504m und steigen die paar Höhenmeter auf. 

Da wir heute nicht ohne Gipfel in die Hütte fahren wollen, beschließen wir den Grande Tète de By zu besteigen. Ein gewaltiger Aussichtsgipfel mit 3586 Meter. Wir gleiten vom Col in die Flanke und steigen in wenigen Minuten hinüber zum Skidepot. Dort sehen wir die anderen aus unserer Gruppe, die sich gerade im Abstieg befinden. Wir steigen im leichten Gelände auf den höchsten Punkt, machen ein paar Bilder und genießen die Aussicht, die hier wirklich einmalig ist. Grand Combin. Matterhorn, Weißhorn und alle anderen Walliser Hochkaräter. Weit hinten der Mont Blanc. 

Wir steigen anschließend ab und vereinbaren, dass wir uns unten am flachen Glacier du Durand zu einer großen Pause treffen. Über wunderbare Hänge fahren wir im guten Schnee die großen Schneeflächen hinunter zum Treffpunkt. Jetzt ist das meiste geschafft. Was für eine Monster-Etappe! Jetzt müssen wir nur noch zum Etappenziel, zum Cabane Chanrion auf 2462 Meter. Einen neugebauten Luxustempel in dieser alpinen Welt. Der letzte Gegenanstieg zur Cabane ist bald geschafft und dann komme ich endlich aus meinen Schuhen raus. Was für eine Wohltat!

Etappe 5 – Vom Cabane de Chanrion über eine Variante zum Rifugio Nacamuli

Über Nacht hat sich eine Wetterstörung in das Tourengebiet der Cabane de Chanrion eingeschlichen. Laut Hüttenpersonal soll es am Morgen noch einigermaßen Sicht haben, aber ab dem Vormittag mit Diffusen Licht und Nullsicht zu rechnen sein. Ebenso leichter Schneefall. Das sind alles andere als gute Prognosen für einen anspruchsvollen Hüttenwechsel.

Wir wollen früh starten, die Sicht am frühen Morgen ausnutzen und trotz der schlechten Prognose ins andere Tal, nördlich Richtung Pigne d`Arolla wechseln. Laut Hüttenwirt sollte diese Variante sehr lohnend sein und das wollen wir uns anschauen. Alles ist besser als ein langer eintöniger Gletscherhatsch. Das Wetter schaute früh morgens noch recht gut aus und das bestätigte uns in unserer Entscheidung. Als wir am Glacier du Brenay unten angekommen sind, konnten wir am Horizont hinter uns die dichten Wolken bereits erkennen. Wie unglaublich pünktlich diese Wolken sein können… Wir diskutierten kurz, was wir machen sollten und entschieden uns für die Sicherheit, für die vom Hüttenwirt vorgeschlagene Abkürzung durch die Pointe des Portons. Die zwischen den beiden Gletschern aufragende Rippe soll landschaftlich sehr eindrucksvoll sein. Wir machen noch kurz ein Foto vom Gletscherbruch, der für uns heute eh unüberwindbar ausschaut und starten dann unserer Abkürzung. 

Ich gehe voran, versuche den einfachsten und logischsten Weg zu finden. Aber mit der weniger werdenden Sicht und dem diffusen Licht steigen wir etwas umständlich vom Glacier du Brenay über tiefen Schnee und mehreren Moränen zum Einstieg in das Col Les Portons. Die Sicht wird schlechter, der Schneefall dichter. Es entwickelt sich zu einem kleinen Abenteuer. Durch Christians GPS finden wir über steile Rampen und Rinnensysteme den Weg durch die Col Les Portons. Oben am Pointe des Portons auf 3512 Meter angekommen, überlegen wir noch kurz ob wir den einen oder anderen Gipfel mitnehmen wollen, aber allen dreien ist der Ernst unserer momentanen Lage bewusst. Also queren wird noch eine heiklen Flanke, ehe wir auf der anderen Seite im besten Pulver aber ohne Sicht mit GPS-Führung abfahren. Das Skifahren ist sehr schwer möglich. Immer wieder verlieren wir die Orientierung und fallen einfach um. Durch den Nebel ist der Gleichgewichtssinn völlig gestört. Glücklicherweise kommt immer mal wieder die Sonne ein wenig durch und löst für Sekunden den Schleier um uns. So können wir uns wieder orientieren und den Weg zum Glacier d`Otemma finden. Unten am Gletscher haben wir so gut wie keine Sicht. Ich gehe voraus, Christian und Till steuern mich von hinten. So queren wir Schritt für Schritt die breite Gletscherzunge und erreichen etwas glücklich die Aufstiegsspur der restlichen Teilnehmer. 

Jetzt machen wir erst einmal eine kleine Pause. Die haben wir uns so richtig verdient. 

Je höher wir kamen, desto besser wurde das Wetter beim Aufstieg zum Petit Mont Collon. So konnten wir immer mal wieder schemenhaft die Umrisse der umliegenden Berge und Gletscherbrüche sehen. Hier zeigte Markus in der ersten Gruppe seine alpine Extraklasse, als er ohne Sicht durch die riesigen Gletscherbrüche führte. Wir sind dankbar für die Spur, denn die letzten Stunden haben nicht nur mentale Kraft gekostet. Am Col du Petit Mont Collon angekommen können wir den zweiten Col, den Col l´Evêque mit 3379 Meter bereits sehen. Wir spuren hinüber und fellen dort ab. Die folgende Abfahrt war nichts für Schöngeister. Ein harschiger zerfahrener Hang, wo man froh ist, wenn man ihn geschafft hat, lag nun vor uns. Mit viel Kampf und Krampf schafften wir auch diesen. 

Unten am Col Collon angekommen, machen wir nicht lange halt, denn wir wollen diese Etappe beenden. Über schwer zu fahrenden Schnee gelangen wir mit einem kleinen Gegenanstieg zur Nacamuli Hütte. Wo die anderen in der eher kühlen Stube schon warteten. Trockenraum Fehlanzeige. Geschlafen wird in 3-stöckigen Etagenbetten, die sicherlich auch schon bessere Zeiten hatten. Von den Zudecken gar nicht zu sprechen. Die Hütte an sich erinnerte mich an das Rifugio Marco E Rosa in der Bernina. Eine Schutzhütte im wahrsten Sinne, wo man Unterschlupf vor der Witterung draußen findet. Ursprünglich, Einfach, kalt aber der Wein ist billig. Dieses einzige Plus der Hütte ließen wir uns so richtig schmecken. Schon nach der zweiten Runde Wein war die Kälte in der Hütte und die erste Ungemütlichkeit vergessen. Es ist einfach schön mit wenig Komfort der Mensch eigentlich auskommen kann. Es wurde ein wunderbarer Hüttenabend der mir lange in Erinnerung bleiben wird.

Etappe 6 – Die Königsetappe – Vom Rifugio Nacamuli zur Schönbielhütte 

Besonders die letzten beiden Etappen haben bei mir Spuren hinterlassen. Die Aktion auf den Grand Combin aber auch unsere kleine Variante auf dem Weg zum Rifugio Nacamuli. Jetzt ist die Haute Route auf dem „normalem“ Weg ist schon eine Hausnummer. So war ich gespannt, wie ich mich heute auf der Königsetappe anstelle, was ich noch leisten kann. Früh am Morgen waren wieder mal hochwinterliche Temperaturen angesagt. Mit den dicken Handschuhen machten wir die erste kleine, ruppige Abfahrt vom Rifugio. Till voran, Christian und ich hinterher. Till war nach dem kleinen Tief von gestern heute spürbar nicht zu bremsen. Mit gewohnten Zug führte er die mit ein wenig Neuschnee gefüllte Flanke zum Col du Collon hinauf. Auf dem Col angekommen, war die Sonne in dieser winterlichen Zeit unser bester Freund. Wir machten kurz Pause und fuhren anschließend im Pulverrausch zum Haute Glacier d`Arolla hinunter. Was für eine Abfahrt! Da macht sogar mir das Abfahren Spaß! Ich war froh, dass auch meine Beine wieder konkurrenzfähig waren. Ob es der italienischer Rotwein war oder der erholsame Schlaf im dritten Stock unseres Bettes, der mich wieder aufrichtete, kann ich nicht sagen. 

Unten angekommen, fellten wir wieder auf und machten uns auf den Weg zum zweiten Col des heutigen Tages, dem Col du Mont Brulè 3231m. Der noch im Schatten liegende Col war gut mit Steigeisen im Stapfschnee zu gehen. Trotz der großen Stufenabstände war ich schnell auf den gewaltigen Aussichtspunkt und konnte die Aussicht als erster genießen. Da unser Ziel ein gemeinsames Foto auf dem Tete de Valpelline war, warteten wir an geeigneten Punkten immer mal wieder aufeinander. Auch hier am Col du Mont Brulè war es so weit. Mit einer gewaltigen Aussicht auf den Dent d`Herens war das Warten keine Problem. Aber schon kurze zeit später kam bei einigen der innerliche Drang auf, den vor uns liegenden Pulverhang nicht „verschenken“ zu wollen.

Naja, die ersten waren schon blitzschnell weg. Dann also den treibenden Skifahrern nach unten bis zum Chiacciaio di Tsa de Tsa Gletscher folgen und in Windgeschützter Lage auf die anderen warten. Aber alles kam anders… Durch den vom Col de Valpelline kommenden kalten Wind war die Pause kürzer als erwartet und so gingen wir bald drauf wieder los. Bewegung bringt Wärme. Zumindest hofften wir das.

Ich ging voraus und Till und Christian kamen in einigem Abstand hinterher. Weiter hinten eine andere Gruppe von uns. Ich suchte immer wieder nach Windgeschützen Stellen, wo wir auf die anderen Gruppen warten konnten. Aber bis auf einen kleinen Schneekolk unterhalb des Col de Valpelline fand sich nichts. 

Also blieb uns nicht anderes als weiterzugehen, zu unserem nächsten Ziel, dem Col de Valpelline. Was mich am Col de Valpelline auf 3551 Meter erwartete, damit war ich völlig überfordert. 4000er stand neben 4000er und der stand neben einem anderen 4000er. Bekannte Berge wie an einer Ketten aufgefädelt. Dent Blanche, Weißhorn, Zinalrothorn, Obergabelhorn, Nagelgrat, Dom, Täschhorn, Alphubel, Allalinhorn, Rimpfischhorn, Strahlhorn, Monte Rosa, Matterhorn, Dent d´Herens, um nur einige der berühmtesten zu beschreiben. Ich stand da, war wie gefesselt. Mir schossen Tränen in die Augen und Bilder und Erlebnisse meiner eigenen Touren auf einigen dieser Berge in den Kopf. Berichte befreundeter Bergsteiger. Eine richtige Reizüberflutung. So eine gewaltige und umfassende Aussicht hatte ich noch gehabt.

Nur mühsam konnte ich mich lösen. Ich habe dabei völlig vergessen Bilder zu machen. Erst als ich mich umdrehte, sah ich Christian schon etwa 100 Meter vor mir auf dem Weg zum Gipfel des Tete Valpelline aufsteigen. Ich ging auch los, den Blick immer nach links gerichtet und fiel deswegen einige Male fast über meine eigenen Ski. Der Aufstieg auf den 3798 Meter hohen Gipfel dauert gefühlt ewig, mit schweren Beinen ziehe ich einen Ski vor den anderen. Flach zieht sich die Spur in Richtung Dent d`Herens, ohne dass man den Gipfel wirklich sieht. Endlich kommt der Gipfelfels in Sicht. Nur noch 100 Meter, nur noch 50 Meter, dann war es so weit. Ich stieg aus den Ski ließ den Rucksack fallen und stieg die letzten Meter zum höchsten Punkt. 

Direkt neben Matterhorn und Dent d`Herens. Was für ein Fotopunkt! Wir warteten 30 Minuten im Gipfelbereich, wussten nicht ob die anderen noch raufkommen würden oder ob man sich dazu entschlossen hat am Col unten ein Gruppenfoto zu machen, also entschlossen wir uns abzufahren. Im guten Schnee zogen wir unser Spuren. Etwa auf halber Höhe erreichten wir die ersten aus unserer Großgruppe. Sie hatten sich entschlossen nun doch am Gipfel ein Foto zu machen. Naja, echt blöd gelaufen. Till baut nochmal auf Aufstieg um. Christian will nicht mehr aufsteigen, er will zur Hütte abfahren. Ich will eigentlich auch nicht mehr aufsteigen aber fürs Gruppenfoto? Aber nochmal aufsteigen und dann zu spät durch die Eisbrüche fahren. Nein.

Dann fahren wir ab. Zu zweit Cruisen wir den Stockjigletscher hinunter. Zwischen riesigen Seracs, Haushohen Eistürmen und offenen Spalten bahnen wir uns unseren durch ein Gletscherlabyrinth. Es erfüllte mich mit Ehrfurcht. Hoch über uns drohten die riesigen Hängegletscher von Dent d`Herens und Matterhorn als wir am Tiefmattengletscher Richtung Schönbielhütte eindrehten. Einzelne kleinere Abbrüche lagen überall herum, sodass wir richtig Slalom um die Eisklötze fahren mussten. Der folgende Zmuttgletscher unter dem Matterhorn war dagegen wesentlich harmloser und so entspannte sich die Situation. Jetzt stand nur noch der 200 Höhenmeter Aufstieg zur Schönbielhütte an. Die Hütte thronte auf einem Südseitigen Felsvorsprung und war nur noch mit Glück mit Ski zu erreichen. Hier hatte die starke Sonne schon viel gearbeitet. Als ich endlich auf der Hütte angekommen ist, setzte ich mich erst einmal in die Sonne. Viel eindrucksvollere Hüttenaussichten hatte ich bisher nicht. Das hier ist schon der Oberhammer! Direkt unter Matterhorn Nordwand, Dent d´Herens und den Stockjigletscher. Eine Aussicht der Extraklasse!
Langsam trudelten die anderen auf der Hütte ein. Nach einem mäßigen Essen verschwand ich relativ bald in den Schlafsack. 

Etappe 7 – Zurück in die Zivilisation - Von der Schönbielhütte nach Zermatt

Die Woche hat meine Füßen gezeichnet. Trotz des Gummibands war mein rechter Fuß und meine Zehen voller Blasen und aufgeriebenen Stellen. Das wir eine Zeit brauchen, um wieder zu heilen. Nach einem dürftigen Frühstück fuhren wir Richtung Zermatt ab. Die stark vereiste Abfahrt nach Zermatt forderte noch einmal volle Konzentration und die wenigen Tragepassagen waren zwar ärgerlich aber taten der Stimmung der ganzen Woche keinen Abbruch. Was für ein Erlebnis!

Autor: Jupp Berglehner